LEMNISCATE / ∞

Akustischer Schwarm, Mehrkanal Audio Installation von Patric Catani und Chris Imler (Komposition) in Kooperation mit Jorinde Voigt (Konzept)

Eine Lemniskate ist im Wesentlichen ein Instrument des Unendlichen. Ein Lemniscus oder „Band“, das sich selbst in Form einer Acht in den Schwanz beißt, beschreibt eine sich unendlich wiederholende, grenzenlose Bahn. Frühe indianische Denker sahen in der Tatsache, dass die Unendlichkeit unverändert bestehen bleibt, gleichgültig ob man ihr etwas hinzufügt oder nimmt, eine Bestätigung der abstrakten Kraft eben dieser Unendlichkeit. Jorinde Voigt zeichnet Strukturen, die von realen und imaginierten Phänomenen gespeist werden, um die Endlichkeit der Grenzen von Systemen zu untersuchen. Sie gestaltet und variiert diese Untersuchungen durch räumlich-zeitliche Daten, Angaben zu Geschwindigkeit und Lautstärke sowie Überlagerungen von Sequenzen. Ihre Notationen basieren auf dem Konzept, dass gleichwertige Elemente in einer ganz eigenen Logik und Verhältnismäßigkeit nebeneinander bestehen.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass sich die Form der Lemniskate aus der Ellipse ableitet, einer Figur, bei der für alle Punkte die Summe der Distanz zu zwei vorgegebenen Fixpunkten eine Konstante ist. Der französische Philosoph Descartes nutzte dieses räumliche Phänomen als Grundprinzip seines Kartesianischen Systems, in dem Algebra und Geometrie miteinander verschmelzen. Voigt, deren frühere Arbeiten an mathematische Gleichungen erinnern, hat in ihren aktuellen Arbeiten eine höchst kreative Form „situativer Geometrie“ entwickelt, in der Muster kultureller Verläufe mit geografisch-räumlichen Phänomenen in Beziehung gesetzt werden. So wie das Kartesianische Denken nicht nur die Mathematik sondern auch die Kartographie beeinflusst hat, haben auch Voigts Zeichnungen oder „Partituren“ beim Lemnsicate-Projekt das Papier verlassen und begonnen, sich Raum und Zeit zu erobern.

In Anlehnung an Voigts Konzepte haben die Komponisten Patric Catani und Chris Imler die „liegende 8 ()“ des Unendlichkeitssymbols als akustisches Cluster in den Räumen der Galerie entstehen lassen. Die aus 16 Stücken bestehende Komposition windet sich um sieben Punkte, wobei ein Multikanalsystem von fünf Lautsprechern zum Einsatz kommt. So entsteht nur durch reinen Klang eine Lemniskate. Aus ihrem musikalischen Formverständnis heraus haben Catani und Imler sowohl Feldaufnahmen wie z.B. aus der Stadtlandschaft Berlins als auch eigene Quellen der Tonerzeugung genutzt. Diese Klänge und Frequenzen überlagern sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Rhythmen, um einen variablen musikalischen „Schwarm“ entstehen zu lassen. Zentral platziert entsteht eine konstruierte geometrische Form, die empfunden aber nicht gesehen werden kann und dabei in ganz physischer Form daherkommt (der Klangcluster bewegt sich zwischen Boden und oberhalb des Kopfes). Catani und Imler brechen in Lemniscate die tonale Struktur auf, indem sie verschiedene Klangschichten gegeneinander verschieben bzw. diese durch den Raum jagen lassen.

Andrew Cannon

Lemniscate / ∞ Promo