BERLINER MORGENPOST, 23. April 2026
Berliner Morgenpost 23. April 2026
Text by Felix Müller
Jorinde Voigt, Non-Fiction, Galerie Judin
Es sind faszinierend komplexe Landschaften, die man in den jüngsten Bildern von Jorinde Voigt vorfindet. Geschwungene Linien und Kurven erheben sich wie sanfte Hügelketten vor einem leuchtend gefärbten, oft blauen Hintergrund. Die Nachbarschaft von dunklen und hellen Pigmenten scheint ihnen eine Körperlichkeit zu geben, die aber doch nur im Kopf des Betrachters existiert. Wie Schwärme durchziehen Bögen und Schleifen aus anderer Richtung das Geschehen, sie wirken wie von ihren eigenen Schatten begleitet. Ist es ein Tanz von Medusen, die Karte eines extraterrestrischen Gebiets, ein dynamisches System an der Schnittstelle von Biologie, Mathematik und Chemie? Man ertappt die eigene Wahrnehmung dabei, wie sie das Neue mit dem bereits Bekannten besänftigen will. Dabei kann man sich auch der beruhigenden Kraft dieser Bilder überlassen, in denen zugleich so unendlich viel geschieht.
„Non-Fiction“ heißt die Ausstellung, die Jorinde Voigt zum Gallery Weekend in der Galerie Judin präsentiert. Wir besuchen sie in ihrem wunderschön an der Spree gelegenen Studio im Südosten der Stadt und fragen natürlich auch, was es mit dem Titel auf sich hat. Sie habe besondere Jahre hinter sich, die sie auch sehr schwierig fand, erzählt die Künstlerin. „Das fing an mit Corona. Es fühlte sich an, als würden sich überall Gletscherspalten auftun.“ Und direkt danach begann der geografisch so nahe der Ukraine-Krieg. „Der hat in meinem Blut eine Art Alarmsituation aktiviert. Ich habe alle Reaktionen einmal durchgespielt. Ich wollte die Flucht ergreifen, ich habe mich an andere Orte imaginiert. Es gab auch Phasen, in denen ich wie eingefroren und nicht mehr aktionsfähig war. Es war, als würde ich in einem Nebel laufen, im Ungewissen, ohne zu wissen, wo ich hintrete.“
Auf den Doppelzustand einer Realitätsflucht und einer flüchtenden Realität reagieren diese Bilder mit einer konsequenten Strategie. „Non-Fiction besteht darin, alles, was gerade ist, wirklich anzunehmen. Die größtmögliche Aufmerksamkeit darauf zu legen und zu untersuchen, was die Strukturen von Realität sind. Daher kommt dieser Titel“, sagt Jorinde Voigt. Auf einer ganz grundsätzlichen Ebene spiegelt sich das schon im Blau der meisten Bilder. „Anfang März“, sagt sie, „wollte ich hier meine Blätter färben und es gab zum ersten Mal seit vielen Monaten einen strahlend blauen Himmel. Das war ein sehr euphorischer Moment und ein Anlass, diese Farbe zu sehen und zu versuchen, sie anzumischen. Ich hatte ein großartiges Phthaloblau, habe aber gemerkt, dass ich noch einen Schuss Magenta brauche, um mehr in Richtung Ultramarin zu kommen. Das war toll. Als hätte man den Himmel in die Farbwanne gelegt.“
Das ist nur eine Facette der vielfältigen Erforschung der Realität, die Jorinde Voigt mit ihrer Kunst verfolgt. Diese abstrakt zu nennen, würde sie insofern verfehlen, als Formen und Figuren eine notwendige Rolle darin spielen – aber keine auf eine konkrete Identität festlegbare, sondern eher eine archetypische.
Jorinde Voigt ist vielfältig interessiert und eine manische Leserin. Es ist bekannt, dass sie, geboren 1977 in Frankfurt am Main, nach dem Abitur zunächst Philosophie und Neuere deutsche Literatur in Darmstadt und Philosophie, Soziologie und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Berlin studierte, bevor sie sich an der Universität der Künste Berlin und am Londoner Royal College of Art der Kunst zuwandte; ihr Studium schloss sie als Meisterschülerin von Katharina Sieverding ab. Auch die Naturwissenschaften sind ihr sehr wichtig. Die Quantenmechanik mit ihrem Zoo aus Teilchen, der sich jeder Vorhersehbarkeit widersetzt, zum Beispiel. Oder Disziplinen wie die mathematische Topologie, in der die Verformung geometrischer Figuren und Räume erkundet wird.
Es gibt faszinierende Erkenntnisse aus diesen Gebieten. Dass ein Teilchen zum Beispiel nicht an einem festen Ort, sondern in einem Möglichkeitsraum existiert. Oder dass es Körper gibt – den Donut etwa oder das Möbiusband –, deren Oberfläche zugleich innen und außen liegt. Auch wenn sie den Alltagsverstand irritieren, scheint in ihnen doch eine tiefe Wahrheit über die Struktur dessen zu liegen, was wir die Realität nennen – zumal als von innen nach außen und umgekehrt agierende Wesen, die mental auch nie an einem fixen Ort existieren, sondern an mehreren, in Zukunft und Vergangenheit und überall dazwischen. Es sind Wechselverhältnisse wie diese, die Jorinde Voigt mit fraktalen Suchbewegungen erforscht. Sichtbar wird etwas Fundamentales, das zugleich unentziffert bleibt. Eine Verbindung von Mensch und Welt. Eine Form.
Mit ihren Partituren, Notationen und codierten Schreibweisen, auch mit ihren dreidimensionalen Objekten, ist Jorinde Voigt zu einer der wichtigsten Künstlerinnen unserer Gegenwart aufgestiegen, ihre Werke sind im Pariser Centre Pompidou, im New Yorker Museum of Modern Art, dem Berliner Kupferstichkabinett und vielen weiteren Institutionen vertreten – und zeigen in ihrer Vielfalt auch die ständige Bereitschaft, immer wieder unbekanntes Terrain zu betreten. Als Nächstes, sagt sie zum Abschied, wolle sie sich der Botanik zuwenden, da gebe es die größten Rätsel. Man wird sie immer wieder neu kennenlernen, in naher Zukunft schon auf diesem Gallery Weekend.
Foto by Jörg Carstensen