FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG, 3. Mai 2026, NR. 18
VIER FRAGEN AN JORINDE VOIGT
Was lesen Sie?
Ich habe noch nie ein Buch zweimal gelesen, außer – ich lese es gerade zum dritten Mal in meinem Leben – „Über die Natur der Dinge“ von Lukrez. Dazu lese ich das interessante Buch von Jakob Moser, das gerade neu erschienen ist: „Lukrez? Wolken. Naturgewalt und Phantasma“. Er untersucht darin die Wolkendarstellungen im Text von Lukrez. Davor habe ich „Das blinde Licht: Irrfahrten der Wissenschaft“ von Benjamin Labatut gelesen und war total begeistert über die Dichte der Information und den damit verwobenen fiktionalen Anteil in einem Buch über Mathematiker und Wissenschaftler.
Was hören Sie?
Was ich jeden Tag höre wie ein Konzert, ist morgens zum Sonnenaufgang die Amseln. Jeden Tag ein bisschen anders, unendlich interessant. Ich lebe in der Stadt in einem umgebauten Fabrikgebäude mit Garten drum herum. Ich höre auch sehr viel Musik: Ne-Yo, Kosheen, Jimmy Edgar, Ryuichi Sakamoto, RIN, Ada Morghe, Havoc & Lawn, aisu, oklou, Alix Perez, Brian Eno, Sassy 009, Samuel Barber, Claude Debussy, Ludwig van Beethoven, Björk, Les Baxter, Madonna, Majid Jordan, Tarkan, Trettmann, Mavi Phoenix, Ricky Martin, Cardi B, D’Angelo, Charlie Puth, Overmono, 070 Shake, Beats International, Ilyas Yalçıntaş, Haiyti, Sydney Youngblood, Frank Ocean.
Was sehen Sie?
Ich habe heute Morgen gerade Blumen gekauft für meine Galeristen, da jetzt zum Gallery Weekend meine Ausstellung „Non-Fiction“ eröffnet wird. Sie stehen vor mir: schwarz leuchtendes Purple, mattes Weiß, glossy Aubergine, hellgrün-weiße geschlossene Lilien, Sonnenlicht. Gleich wickele ich sie noch in Seidenpapier ein und binde sie mit einem lila Band zusammen. Was Filme angeht, schaue ich Naturkatastrophenfilme und Crime. Jeden Tag.
Wann haben Sie zuletzt Ihre Meinung geändert?
Ich habe ganz bewusst auf Zäune rund um mein Grundstück verzichtet, weil ich Zäune nicht mag, aber ich bin immer wieder kurz davor, meine Meinung zu ändern, wenn mir – wie heute – ein Lieferant einmal quer durchs Beet fährt und die Blumen, die ich dort erst gestern eingepflanzt habe, plattmacht. Da komme ich an meine eigenen Grenzen: Wenn man eine Aufmerksamkeit auf etwas lenkt und das dann auf die totale Unaufmerksamkeit einer anderen Person trifft, die es dadurch zerstört, dann ist das für mich schrecklich. Das passiert ja auch in anderen Situationen. Ich arbeite auf dem Boden in meinem Studio – der ganze Boden ist wie mein Tisch, alles muss supersauber sein, alles ist sehr sensibel – und dann läuft da zum Beispiel einfach jemand drüber, nicht mit Absicht, sondern aus Unaufmerksamkeit. Das ist dann so, als ob einem jemand übers Herz läuft.